Medien des Erzählens. Die Ausdifferenzierung narrativer Formen in den Publikationsmedien des 19. Jahrhunderts
Section outline
- 1. Überblick
- 2. Historische Kontextualisierung
- 3. Medien des Erzählens
- 4. Sophie Tieck: „Das Vögelchen“ (1802)
- 5. Heinrich von Kleist: „Das Erdbeben in Chili“ (1807)
- 6. Jacob & Wilhelm Grimm: „Die zertanzten Schuhe“ (1815)
- 7. E.T.A. Hoffmann: „Die Bergwerke zu Falun“ (1819)
- 8. Georg Büchner: „Lenz“ (1839)
- 9. Annette von Droste-Hülshoff: „Die Judenbuche“ (1842)
- 10. Georg Werth: „Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski“ (1848/49)
- 11. Louise Otto: „Die Lehnspflichtigen“ (1849)
- 12. Eugenie Marlitt: „Die zwölf Apostel“ (1865)
- 13. Gottfried Keller: „Kleider machen Leute“ (1874)
- 14. Marie von Ebner-Eschenbach: „Er lässt die Hand küssen“ (1886)
- 15. Theodor Storm: „Der Schimmelreiter“ (1888)
- 16. Gerhart Hauptmann: „Bahnwärter Thiel“ (1888)
- Literaturverzeichnis
- 6.1. Einstieg
- 6.2. Vor der Lektüre
- 6.3. Vorrede der Kinder- und Hausmärchen (KHM)
- 6.4. Märchengattung
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Die „Kinder- und Hausmärchen“ (KHM) zählen zu den deutschsprachigen Texten, die weltweit am verbreitetsten und am bekanntesten sind. Das war zunächst nicht abzusehen. 1812 ging der erste Band beim Berliner Verlag Reimer in den Druck, verkaufte sich aber schlecht. 1815 erschien der zweite Band, der von keinem Geringeren als dem Philosophen, Philologen und Theologen Friedrich Schleiermacher Korrektur gelesen wurde. 1819 wurde die zweite Auflage vorbereitet, bei der Verbesserungsvorschläge des Grimm-Freundes und -Kollegen Achim von Arnim Berücksichtigung fanden. Er hatte an den ersten Bänden die direkte Beifügung wissenschaftlicher Anmerkungen zu den Märchen und das Fehlen von Bildern bemängelt, letztlich also auf mangelnde Lesefreundlichkeit hingewiesen und den noch stärker zu fokussierenden Unterhaltungsaspekt betont. Zudem fanden die Herausgeber stilistisch zu dem besonderen Erzählstil, der bis heute als typisch für die Grimm-Märchen empfunden wird.1825 erschien die sogenannte „Kleine Ausgabe“, die, an Kinder adressiert, 50 Texte und Illustrationen enthielt. Sie konnte neunmal aufgelegt werden, diesmal bei Duncker in Berlin, und setzte sich als Kinderbuch zunehmend durch. Gleichzeitig wurde dadurch der Absatz der Großen Ausgabe in zwei Bänden zunächst gehemmt. 1837 erschien schließlich die dritte Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“ im Verlag der Dieterischen Buchhandlung mit Sitz in Göttingen. Damit war der Durchbruch auf dem Buchmarkt geschafft. In der Forschung wird dies darauf zurückgeführt, dass der Bekanntheitsgrad der Sammlung durch die „Kleine Ausgabe“ stieg und beim Publikum Interesse an weiteren Märchen weckte, die Kleine die größere Ausgabe also nachzog. Zudem schien es dessen Sehnsucht nach Idylle und den Konservativismus von Klein- und Großbürgertum zu bedienen: Märchen wurden als Ausdruck bürgerlicher Werte wie Fleiß, Ehrlichkeit, Treue und Pflichtgefühl verstanden. Dadurch ließen sie sich gut in das hochgeschätzte, familienbetonte Privatleben als Lektüre für Kinder wie auch für erwachsene (Vor-)Leser:innen integrieren. 1840, 1843, 1850 und 1857 erschienen weitere Auflagen (vgl. Röllecke 2013, S. 1151-1168).
Dass sich die Grimm-Brüder an die Mammutaufgabe machten, deutschsprachige Märchen zu sammeln und in einem Buch zusammenzustellen, geht v.a. auf Ideen des Philosophen und Dichters Johann Gottfried Herders (1744-1803) zurück. Dieser setzte sich mit sogenannter Volksliteratur auseinander. Herder veröffentlichte beispielsweise seine höchst einflussreiche Sammlung „Volkslieder“ 1778/79, in der er volkstümliche und zeitgenössische deutschsprachige, peruanische und altdeutsche Texte zusammengestellt hatte. Zeitgenössische Wissenschaftler setzten sich damit auseinander, Literat:innen publizierten weitere Sammlungen. Berühmte Beispiele hierfür sind Johann Karl August Musäus‘ (1735-1787) „Volksmärchen der Deutschen“ (1782-1786) und Christiane Benedicte Nauberts (1752-1819) „Neue Volksmärchen der Deutschen“ (1789-1792). Die Schriftsteller Achim von Arnim (1781-1831) und Clemens Brentano (1778-1842) veröffentlichten 1805-1808 die Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“, welche 723 Volks-, Liebes-, Soldaten-, Wander- und Kinderlieder vom Mittelalter bis ins 18. Jahrhundert umfasst. Nicht zuletzt die Beschäftigung mit diesem Projekt inspirierte die Grimm-Brüder zu ihrer eigenen Märchensammlung. Verbunden waren die Publikationen Musäus‘, Naubarts, Achim von Arnims und Clemens Brentanos sowie viele andere vergleichbare Veröffentlichungen ihrer Zeitgenoss:innen mit dem Bemühen, altdeutsche Dichtung wieder ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit zu heben, um so gleichsam ein nationales Erbe zu aktualisieren und zu bewahren. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass der deutschsprachige Raum damals noch in viele, meist recht kleine Einzelstaaten zersplittert war, Napoleon große Teile davon eingenommen hatte und besetzt hielt. Die Beschäftigung mit Volksdichtung und deren altdeutschen Grundlagen war somit zum einen verbunden mit der Selbstbehauptung gegen den ausländischen Usurpator und dessen Kultur. Zum anderen bestand auch unabhängig davon seit Jahrzehnten der Wunsch nach staatlicher Einigung und damit einhergehend ein Interesse an der gemeinsamen Vergangenheit der germanischen Völker und Stämme.
Das Märchen „Die zertanzten Schuhe“ ist seit der 1815er-Auflage in den „Kinder- und Hausmärchen“ zu finden und steht darin an 133. Stelle (vgl. Rölleke 2013, S. 1255). Zur Sammlung beigetragen hat es Jenny von Droste-Hülshoff (1795-1859), die ältere Schwester der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff. Sie lernte Wilhelm Grimm 1813 im Schloss Bökerhof in Ostwestfalen bei Verwandten kennen. Beide verband eine lange Brieffreundschaft. Das Märchen „Die zertanzten Schuhe“ ist aber nicht westfälischen Ursprungs und auch keine Erfindung Jenny von Droste-Hülshoffs, sondern kursiert in etwa 500 Fassungen in Literaturen Europas (vgl. Uther 2021, S. 274). Damit steht es stellvertretend auch für eine europäische Märchentradition und für den letztlich utopischen Versuch, so etwas wie eine ‚rein‘ deutsche Literatur zu finden. Es wurde mehrmals verfilmt, als Theaterstück adaptiert und von zahlreichen Autor:innen rezipiert und umgeschrieben. Die Grimm-Brüder selbst veränderten – wie bei einer großen Anzahl anderer Märchen auch – den Text in den verschiedenen Auflagen der „Kinder- und Hausmärchen“, vgl. die hier hinterlegten Anmerkungen zu den Varianten (Röllecke 2013, S. 1077-1079).
Anne-Rose Meyer
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