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    • Cover & Link zu: Sophie Tieck-Bernhardi: "Wunderbilder und Träume in elf Märchen", 2000.Sophie Tieck, verheiratete Bernhardi, verheiratete von Knorring, veröffentlichte das Buch „Wunderbilder und Träume in elf Märchen“ im Jahr 1802 unter dem Kürzel „Sophie B.“ Damit verschleierte sie ihre Identität und gab diese gleichzeitig preis; denn im Kreis ihrer Dichterfreunde war sie durchaus bekannt, sowohl unter ihrem Mädchennamen wie auch als verheiratete Frau.

      Sophie Tieck strebte nach einem großen Lesepublikum und thematisierte dies auch metafiktional in „Wunderbilder und Träume“: Nicht zufällig endet dieses Buch mit der Rede einer Pilgerin, die als Schriftstellerin berühmt werden möchte. Die Vermarktung der Sammlung war jedoch nicht einfach. Friedrich Schlegel und sein Bruder August Wilhelm Schlegel bemühten sich zwei Jahre lang darum, einen Verlag zu finden. Schließlich erschien der Band bei Nicolovius in Königsberg. Die Kritik war teils wohlwollend, teils begeistert, teils ablehnend, also nicht uneingeschränkt positiv (vgl. Eschler 2005, S. 130).

      Obwohl alle Texte Sophie Tiecks komplex, interessant zu lesen und ansprechend gestaltet sind, gehörte sie doch nie zu den auflagenstarken Autor:innen ihrer Zeit. Die Gründe dafür sind vielfältig: Sophie Tieck wurde zu Lebzeiten und noch nach ihrem Tod als Nachahmerin und Schülerin, ungerechterweise auch als Plagiatorin ihres bis heute berühmten und viel gelesenen Bruders Ludwig Tieck betrachtet (vgl. Eschler 2005, S. 12f., 274).

      Von der Forschung wurde Sophie Tieck kaum beachtet – anders als ihre Zeitgenossinnen Bettina von Arnim, Sophie Schubert-Mereau-Brentano, Karoline von Günderrode, Sophie von La Roche, Caroline Schlegel-Schelling, Dorothea Mendelssohn-Veit-Schlegel, Therese Huber. Seit 1847 gab es nur eine Neuauflage eines Werkes von Sophie Tieck, nämlich die der „Wunderbilder und Träume“ im Trafo-Verlag. Dies hat mehrere Gründe.

      Die Überlieferungslage vieler Werke ist schwierig: Sophie Tieck veröffentlichte unter anderen Namen, nämlich dem ihres Bruders, ihres ersten Ehemannes Bernhardi und ihres Freundes August Wilhelm Schlegels. Einige ihrer Werke gab ihr Bruder als die seinen aus (vgl. Eschler 2005, S. 86). Dadurch wurde Sophie Tiecks eigener Anteil an vielen Texten schwer zu ermitteln und im Laufe der Jahrzehnte vergessen. Auch werden Gründe für die fehlende Werkrezeption mit Sophie Tiecks Person in Verbindung gebracht: Übelgenommen wurden ihr ihr für damalige Zeiten unsteter, unbürgerlicher Lebenswandel und ihr zeitweise selbstbewusstes Auftreten. Eine Idealisierung und Musealisierung ihrer Person und ihres Werkes war dadurch in den moralisch strengen Zeiten des 19. Jahrhunderts unmöglich, obwohl sie in renommierten Autorenlexika bereits zu Lebzeiten Aufnahme fand (vgl. Eschler 2005, S. 19).

      In Werken und Briefen reflektierte Sophie Tieck ihre Rolle als Frau, karikiert aufklärerische Tugendideale, reagierte kritisch auf Rollenzwänge und hinterfragte Ideale wie die weibliche Ehre, Tugend, Unschuld. Hierfür war die Zeit um 1800 – anders als vierzig Jahre später bei Fanny Lewald – wohl noch nicht reif. Sophie Tieck schrieb zudem zeitweise bewusst am Publikumsgeschmack vorbei. Der Großteil der Leserschaft wollte Unterhaltendes konsumieren, und so feierten beispielsweise Karoline Fouqué und Amalie von Helvig mit ihren gut verkäuflichen, heute als trivial geltenden Werken große Erfolge (vgl. Eschler 2005, S. 264).

      Mit „Wunderbilder und Träume“ bediente Sophie Tieck eine im 19. Jahrhundert zunehmend populär werdende Gattung. Das Hauptthema in allen elf Märchen ist die Liebe. Damit wie mit der Märchenform und den im Titel genannten „Träumen“ bedient sie sich mehrerer Schlüsselbegriffe und -themen um 1800. Diese sind einerseits verkaufsfördernd, aber auch anschlussfähig an romantische Theorien, wie sie Novalis in „Kanon der Poesie“ formulierte.

      Anne-Rose Meyer