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    • Literatur diente im 19. Jahrhundert neben der politischen Artikulation und Selbstverständigung ebenso der Unterhaltung. Hatte das 18. Jahrhundert die Literatur und das Erzählen weitgehend noch für die Moraldidaxe oder die ästhetisch-kulturelle Bildung funktionalisiert, so tritt nun neben die politische Inanspruchnahme, vor allem der Lyrik, die Unterhaltung als Zweck von Erzählprosa, denn ein immer größer werdender Teil der Bevölkerung verfügte über nennenswerte freie Zeit, die nicht mit Erwerbsarbeit gefüllt war. Mit der Leserschaft differenzierte sich die Verlagslandschaft und damit die Publikationsmöglichkeiten für Literatur weiter aus und nehmen gegenüber dem 18. Jahrhundert in der Menge deutlich zu: In großer Zahl erschienen etwa Erzähltexte nicht nur in den erwähnten Kalendern, Anthologien, Taschenbüchern, in Erzählsammlungen, in Form von Kolportageliteratur und Bilderbögen, sondern auch „unter dem Strich“, also in den Feuilletons der sich schlagartig vermehrenden Tageszeitungen. Besonders die Zahl unterschiedlich ausgerichteter Zeitschriften und Journale wuchs und bot weitere Veröffentlichungs- und damit Verdienstmöglichkeiten. Standen auf der einen Seite also Leser:innen, die unterhalten werden wollten, so auf der anderen Seite Autor:innen, die nun versuchten, sich ihren Unterhalt als freie Schriftsteller:innen zu verdienen und zu diesem Zweck einen sich öffnenden literarischen Markt sehr genau beobachteten und bedienten.

      Insbesondere in den Unterhaltungs- und Familienblättern, wie z.B. der „Gartenlaube“, „Über Land und Meer“ oder der Leipziger „Illustrierten Zeitung“, wurden an das Gebot der Unterhaltung dezidierte Schreibanweisungen für die verständliche, abwechslungsreiche Gestaltung von Texten durch die Redaktionen gebunden. So kam es zuweilen zu einer Verpflichtung auf regelmäßige Spannungsbögen, überschaubare Fabeln und kompatible Genres, wie z.B. der Novelle. Dieser Prozess von Anpassungen an den Geschmack des Publikums führte zu einem allgemeinen Popularisierungsprozess der Literatur als Unterhaltungsmedium. 

      Bild: Die Gartenlaube. Titelblatt des ersten Heftes (1853)

      Titelblatt von "Die Gartenlaube", Leipzig: Ernst Keil (1853)

      In den Erzählungen wurden aber auch die neuen sozialen Bedingungen, unter denen Literatur entstand, thematisiert und reflektiert: Beispielsweise der Alltag des Bürgertums, den die Schriftsteller des sog. Bürgerlichen Realismus bevorzugt schildern, sowie die Lebenssituation  der unteren Schichten. Gesellschaft in ihrer Gesamtheit wurde ausführlich, das heißt unter Einbeziehung zahlreicher Details und anhand unterschiedlicher Milieus geschildert. Scheinbar Gewöhnliches, der Alltag, ist nun ebenso literaturwürdig wie Abenteuer an exotischen Schauplätzen in Texten von Erfolgsautoren wie Karl May. Der Realismus entwickelte dafür Erzählverfahren weiter, die es erlaubten die erzählte Welt reflektierend zu beobachten. Besonders prominent sind in dieser Hinsicht die paratextuellen Rahmungen der Erzählungen und die oftmals metadiegetischen Erzählebenen, wie sie z.B. in Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ oder in Gottfried Kellers „Die Leute von Seldwyla“ zu finden sind. Neben Erzählverfahren, durch die oft mündliches Erzählen im schriftlich fixierten literarischen Text fingiert oder nachgeahmt wurden, reflektierten Autor:innen textintern immer wieder auch die veränderten Publikations- und Arbeitsbedingungen. Die Autor:innen des 19. Jahrhunderts thematisieren die Medialität literarischer Texte so verstärkt, weil diese die Produktion und Rezeption von Literatur massiver beeinflusste als jemals zuvor.

      Matthias Buschmeier