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    • Georg Weerths (1822–1856) „Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski“ ist der erste deutsche Feuilleton-Roman. Er erschien zunächst von August 1848 bis Januar 1849 in einzelnen Kapiteln in der von Karl Marx herausgegebenen „Neuen Rheinischen Zeitung“ und ein halbes Jahr später auch in Buchform. Die Pionier-Funktion des Werkes ist allerdings nicht das einzige Merkmal, weswegen dieser Roman von besonderem literaturwissenschaftlichem Interesse ist. Die Geschichten um den titelgebenden Ritter Schnapphahnski sind eine satirische Abhandlung über den Adel, der Protagonist selbst und seine Biografie dabei deutlich einem realen zeitgenössischen Aristokraten, Politiker und dessen Privatleben nachempfunden: Fürst Felix von Lichnowsky (1814–1848). Dass sein Todesjahr und der Veröffentlichungszeitraum des „Schnapphahnski“-Romans zusammenfallen, sollte für Weerth nicht ohne juristische Konflikte und Konsequenzen bleiben.

      In der durch politische Spannungen definierten Zeit der Märzrevolution stand Lichnowsky auf der Gegenseite der konservativen Restauratoren, die den Interessen der Aristokraten verschrieben waren. In einer Rede bewertet er den Feudalismus als naturgegeben:

      „Ich rede […] nicht von der Liebe zu den Souveränen, ich rede von dem monarchischen Princip, und wenn durch Gottes willen die vier und dreißig deutschen Souveräne und ihre Familien auf einmal hinweggenommen würden von dieser Erde, so bin ich der Ueberzeugung, man würde sich vereinen und neue an die Spitze dieses Landes stellen, wenn auch nicht in so großer Zahl.“ (zit. nach Herzig 2012, S. 108)

      In der Anfangszeit der Frankfurter Nationalversammlung wurde er in den Ausschuss für den Entwurf der Reichsverfassung gewählt, als einziger Gutsbesitzer, für deren Vorteile er sich in dazugehörigen Debatten entschieden einsetzte (vgl. ebd., S. 104). Für seine Partei erwies sich Lichnowsky darüber hinaus als schlagfertiger Debattenredner, der seine Gegner mit seinen rhetorischen Fähigkeiten schlecht aussehen lassen konnte. Die Vertreter der Demokraten in der Frankfurter Nationalversammlung und in der Öffentlichkeit, zu denen auch Georg Weerth als Feuilletonist der „Neuen Rheinischen Zeitung“ zählte, waren ihm gegenüber deshalb in besonderer Weise abgeneigt. Neben der Richtigstellung falscher Ausführungen und Darstellungen Lichnowskys wurden auch die gelegentlich vorkommenden grammatischen und rhetorischen Fehler in seinen Reden verhöhnt (vgl. ebd., S. 115).

      Lichnowsky griff die Demokraten in vielen dieser Reden scharf an, während die Adressaten oft mit lautem Spott reagierten. Diese Dynamik entwickelte für zeitgenössische Beobachter eine solche Wirkmacht, dass der Fürst von Lichnowsky schon vor Weerths Roman in Heinrich Heines Versepos „Atta Troll“ als Ritter Schnapphahnski in Erscheinung trat. Der Name leitet sich von ‚Schnapphahn‘ ab und ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für einen Wegelagerer und Raubritter gewesen. Fürst von Lichnowskys beständiges Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und die gemischte Rezeption seiner Arbeit als Abgeordneter machten ihn in den Augen der Öffentlichkeit zu einer Zielscheibe des Spotts. Doch nicht nur allein deswegen wählte Georg Weerth den Fürsten als Vorlage für seinen Ritter. Laut Quellen pflegte er Kontakt zu Sophie von Hatzfeldt, welche ihn mit jenen skandalösen Ereignissen um und Missgeschicken von Lichnowsky versorgte, die er später in den einzelnen Episoden seines Romans verarbeitete (vgl. Zemke 1989, S. 114).

      Die Leser:innen bekamen mit Weerths „Schnapphahnski“ regelmäßig Kapitel über einen selbstverliebten Aristokraten zu Gesicht, der mal mehr, mal weniger erfolgreich in verschiedenen Großstädten des In- und unmittelbaren Auslands Ränke schmiedet. Ein großer Themenblock umfasst dabei Schnapphahnskis schlechten Ruf und zweifelhaften Umgang mit Frauen: So stößt er z. B. mit großer romantischer Geste eine Affäre an, die er beim ersten Anzeichen von Gefahr wieder auflöst, oder er setzt das Gerücht in die Welt, mit einer in Berlin bekannten Schauspielerin die Nacht verbracht zu haben. Andere Episoden beschäftigen sich mit Betrügereien sozialer und monetärer Natur, denn immer wieder sieht sich Schnapphahnski mit einem schlechten Ruf und finanziellen Engpässen konfrontiert, die sich auf seinen rücksichtslosen Lebensstil zurückführen lassen. Am Ende des Romans scheint die moralische Verwerflichkeit und die in vielen anderen Bereichen ausgeprägte Inkompetenz des Ritters keine langfristigen Konsequenzen mit sich zu ziehen: Sein charismatisches Auftreten, sein Talent, große Reden zu halten und das Glück, mit den richtigen Personen in Verbindung zu stehen, verschaffen ihm einen Posten in der Frankfurter Nationalversammlung.

      Am 18. September 1848 spitzten sich im Rahmen umstrittener militärischer Entscheidungen der Nationalversammlung die Proteste und Aufstände in Frankfurt am Main zu. Felix von Lichnowsky wollte an diesem Tag gemeinsam mit Major Hans von Auerswald den Reichverweser Johann von Österreich aufsuchen. Beide sollten ihn, nachdem ein wütender Mob auf sie aufmerksam wurde, nicht mehr erreichen. Hans von Auerswald wurde ermordet, Lichnowsky erlag am selben Abend den schweren Verletzungen, die ihm die Aufständischen zugefügt hatten (vgl. Herzig 2012, S. 122–124).

      Zeitgleich erschien noch die elfte Folge der „Schnapphahnski“-Episoden, weitere Teile blieben nach Lichnowskys Tod aber zunächst aus. Das hielt jedoch das Reichsministerium der Justiz in Frankfurt am Main nicht davon ab, den Rheinischen Appellationsgerichtshof in Köln auf die „Neue Rheinische Zeitung“, Weerth und seine Satire aufmerksam zu machen. Diese hätten laut Kläger-Seite mit ihren Veröffentlichungen die Allgemeinheit gegen Lichnowsky aufgehetzt und zu dessen Ermordung beigetragen. Der Umstand, dass Weerth nach dem 19. September 1848 zunächst keine Fortsetzung seiner „Schnapphahnski“-Serie veröffentlichte, bewertete die Justizbehörde als Schuldbekenntnis. Weerth reagierte darauf zum einen mit der Wiederaufnahme der Serie, zum anderen verteidigte er seine Arbeit mit dem Argument, dass mit der Figur von Ritter Schnapphahnski nicht allein Lichnowsky, sondern der gesamte zeitgenössische Adel mit ihr dargestellt worden sei. Am Ende half das alles nichts: Nach einer sich über Monate hinweg ziehenden Untersuchung wurde Georg Weerth am 3. Oktober 1849 zu einer dreimonatigen Haftstrafe verurteilt, die er im Februar des darauffolgenden Jahres antrat, nachdem sein Antrag auf Revision des Urteils abgelehnt worden war (vgl. Zemke, S. 119–155).

      Moritz Pottkämper

    • In: Georg Weerth: Sämtliche Werke in fünf Bänden, Bd. 4, hg v. Bruno Kaiser, Berlin: Aufbau, 1956/57. S. 287-489 & S. 550-564