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    • Cover und Link zu: Georg Büchner: Lenz. Studienausgabe, hg. v. Ariane Martin, Ditzingen: Reclam 2017.Georg Büchners Erzählung wurde in acht Fortsetzungsfolgen 1839 (also posthum) unter dem Titel „Lenz. Eine Reliquie von Georg Büchner“ von Karl Gutzkow in dessen Zeitschrift „Telegraph für Deutschland“ veröffentlicht. Büchner selbst hatte die Erscheinung seiner Erzählung ursprünglich eigentlich für Gutzkows Wochenschrift „Deutsche Revue“ vorgesehen, die allerdings verboten wurde, sodass Büchner die Fertigstellung der Erzählung zunächst vertagte. Die genaue Entstehungszeit des „Lenz“ ist nicht bekannt, allerdings hat sich Büchner nachweislich spätestens seit dem Frühjahr 1835 mit dem Stoff beschäftigt. Seine Verlobte Wilhelmina „Minna“ Jaeglé fertigte nach Büchners Tod 1837 eine Abschrift der Textteile an und schickte sie an Gutzkow (vgl. Borgards 2015, S. 51-53). Dieser äußerte zuvor bereits in einem Nachruf auf Büchner („Ein Kind der neuen Zeit“) im „Frankfurter Telegraph“, dem Vorläufer des „Telegraph für Deutschland“, Interesse an dem „Lustspiele, wo Lenz im Hintergrund stehen sollte“: „Möchte es in fromme Hände gekommen sein, die es durch geordnete Herausgabe zu ehren wissen!“ (Gutzkow 1837). Sowohl Büchners Handschriften als auch Jaeglés Abschriften sind leider bis heute verschollen, doch vermutlich bildet die Textgestalt der Veröffentlichung im „Telegraph für Deutschland“ Büchners Manuskript recht genau ab. Für die „Nachgelassenen Schriften“, die sein Bruder Ludwig Büchner 1850 herausgab, wurde die nun als „Lenz. Ein Novellenfragment“ betitelte Erzählung massiv überarbeitet, erst in den 1980er Jahren wurde die Authentizität dieser Fassung in Frage gestellt und allmählich zu Gutzkows Version zurückgekehrt (vgl. Borgards 2015, S. 53f.).

      „Lenz“ thematisiert den psychischen Verfall des historischen Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), der mit seinem literarischen Schaffen der kurzen Epoche des Sturm und Drang zugerechnet wird. Durch die Wahl eines psychisch instabilen historischen Protagonisten reflektiert die Erzählung Themen wie soziale Isolation, geistige Gesundheit und die Zerbrechlichkeit des menschlichen Geistes. Gleichzeitig bietet „Lenz“ einen Einblick in die psychischen Belastungen und den Kampf eines Künstlers gegen die Bedingungen der Gesellschaft. Auch anhand weiterer Texte des Autors wird deutlich, dass Büchner Literatur als Vehikel nutzt, um soziale Missstände anzuprangern und auf politische Probleme aufmerksam zu machen, so etwa in seinen Dramen „Dantons Tod“ (1835) und „Woyzeck“ (1836/37) oder in seinem politischen Pamphlet „Der Hessische Landbote“ (1834). Gutzkow druckte 1838, also ein Jahr vor der Veröffentlichung des „Lenz“, aber ebenfalls posthum, Büchners einziges Lustspiel „Leonce und Lena“ ebenfalls im „Telegraph für Deutschland“ ab: „Ich habe das Versprechen gegeben, einige der von Georg Büchner noch vorhandenen poetischen Reliquien zu veröffentlichen“ (Gutzkow 1838).

      Trotz Gutzkows Bemühungen traten Büchners Bekanntheit und seine Würdigung als Schriftsteller erst verzögert ein, als Naturalisten wie Gerhart Hauptmann ihn und sein literarisches Werk wiederentdeckten. „Lenz“ gilt heute als eines der bedeutendsten Werke der deutschsprachigen Literatur, in denen komplexe emotionale Zustände und das Innenleben von Figuren dargestellt werden. Damit wird Büchner als Autor für psychologische Charakterdarstellungen und innovative Erzählweisen markiert, der bis heute nicht nur Schriftsteller:innen fasziniert und inspiriert.

      Stephanie Wollmann


    • Textgrundlage:

      Georg Büchner: Lenz. Studienausgabe, hg. v. Ariane Martin, Ditzingen: Reclam 2017.