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    • Cover Gartenlaube von 1865Mit der Erzählung „Die zwölf Apostel“ von Eugenie Marlitt (1825-1887) lernen Sie einen auf den ersten Blick wenig spektakulären Text kennen, der als für seine Zeit, vor allem aber seinen Erscheinungsort typisch gelten kann. „Die Marlitt“, wie sie zu ihrer Zeit und auch heute noch meist genannt wird, gehörte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftstellerinnen und veröffentlichte die meisten ihrer Erzählungen zuerst in der sehr beliebten Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“. Ihre Texte, die gemeinhin als eher „leichte Kost“ galten, wurden dabei in Fortsetzungen abgedruckt, so auch „Die zwölf Apostel“ im Verlauf von vier Heften des Jahrgangs 1865. Im Jahr darauf wird ihr Roman „Die Goldelse“ über 19 Hefte als Fortsetzungsserie erscheinen und die Autorin endgültig berühmt machen. Das Erzählen in Fortsetzungen wird dabei zu einem besonderen Charakteristikum der Familienzeitschrift und für eine Weile zur wichtigen Distributionsform von erzählender Literatur und zu einem der vorherrschenden Vermittlungswege für spannende und populäre Texte.

      „Die zwölf Apostel“ handelt von einem Mädchen, das als „Fremdling“ in eine thüringische Kleinstadt zurückkehrt, die ihre Mutter 15 Jahre zuvor verlassen hatte, um mit einem italienischen Künstler in dessen neapolitanischer Heimat zu leben. Nach dem Tod der Eltern fällt das Sorgerecht Suschen zu, einer alten Tante des Kindes, die es von einem entgegenkommenden Bekannten der Eltern in Wien entgegennimmt, in die Kleinstadt bringt und dort großzieht. Von Anfang an ist das Kind den Anfeindungen und Vorurteilen der Stadtgesellschaft, insbesondere der anderen Kinder ausgesetzt, die es fortwährend wegen seines Aussehens und seiner Sprechweise schikanieren und ausgrenzen. Dies führt bei Magdalene, wie das Kind, nach seiner Mutter benannt, heißt, zu einer emotionalen Verhärtung. Sie hasst schließlich die Menschen und kapselt sich von der Welt ab. Etwas Geld verdient sie mit dem Anfertigen von Auftragszeichnungen zu verschiedenen Anlässen und pflegt neben ihrer Tante nurmehr mit dem alten Jacob Umgang, der die Glocken in einer entweihten Klosterkirche läutet, in deren Nähe Magdalene wohnt und wo sie viel Zeit verbringt. Schließlich begegnet sie dem jungen Egon Werner, der nach längerem Fortsein in Italien wieder in seine Heimatstadt zurückkehrt. Er nimmt den alten Jacob in seine Dienste und wird auf Magdalene aufmerksam. Die Familien von Magdalene und Egon Werner sind über eine unglückliche Liebe von Leberecht, dem Bruder von Magdalenes Tante, mit der stolzen Bürgermeistertochter Friederike miteinander verwoben.

      Wie gesagt wirkt der Text auf den ersten Blick wenig besonders, allerdings lassen sich an ihm sehr exemplarisch Merkmale und Erzählverfahren des poetischen Realismus rekonstruieren. Nehmen Sie die Erzählung also gern als eine Art Prototyp für die in Fortsetzungen erscheinenden Unterhaltungserzählungen dieser Zeit. Das betrifft etwa die Raumsemantik, die Funktionalisierung Italiens als zugleich Raum des ‚Anderen‘ wie der ‚Kunst‘, aber auch die Figurenanthropologie. Etwa die junge Frau, die sich ihrer Liebe zu einem bestimmten Mann noch nicht bewusst ist, während ihr Körper bereits recht eindeutige, für sie selbst aber noch widersprüchliche Zeichen sendet, ist, nicht nur in Eugenie Marlitts Werk, zu dieser Zeit recht beliebt. Aber auch darüber hinaus gibt es einiges, worauf es sich zu achten lohnt. So ist die Erzählung implizit auch eine spannende Reflexion über die Reformation und generell über Säkularisierungsprozesse in der deutschsprachigen Provinz, in diesem Fall einer Kleinstadt in Thüringen. Es wird Ihnen auffallen, dass die beiden zentralen Familien im Text die Gebäude ehemaliger katholischer Nonnenklöster bewohnen und dass auch sonst frühere religiöse Stätten eine wichtige Funktion übernehmen, aber eben nicht mehr zur Ausübung des christlichen Glaubens genutzt werden. Ein nicht unwesentlicher Aspekt ist sicher auch, dass die titelgebenden Zwölf Apostel – spoiler alert – in der Erzählung nie auftauchen werden, sondern lediglich als Legende kursieren und dennoch, in einer spannenden, kolportagehaften Szene am Ende die entscheidende Wendung herbeiführen. Auch Lenchens Katholizismus, den sie aus ihrer italienischen Heimat ins Thüringische importiert, spielt eine Rolle, wenn es ihr darum geht, eine eigene Identität von den Werten der Stadtbewohner:innen abzugrenzen. Christlicher Glaube scheint in der erzählten Welt also zwar vorhanden, spielt für die individuelle Sinnstiftung der meisten Figuren aber nurmehr eine gewandelte, implizite Rolle jenseits von Fragen konkreter Frömmigkeit. Zugleich handelt es sich bei zwei wichtigen Erzieherfiguren um Geistliche und das Geld, mit dem Suschen Hartmann ihre Nichte zu sich holt, erwirbt sie unter anderem durch den Verkauf ihrer Konfirmationsgeschenke. Auch weist der Text zur Festlegung von Daten immer wieder auf christliche Feiertage hin. Den Verschiebungen religiöser Semantik im Text nachzuspüren, lohnt sich also. Ebenso verhält es sich mit der Kunst als Referenzsystem. Mehrere Figuren haben einen bestimmten, mehr oder weniger stark ausgeprägten Bezug zu künstlerischer Beschäftigung. Achten Sie darauf, welche Regeln der Text implizit einführt, nach denen die jeweiligen Praktiken zu bewerten sind und wie sie von den anderen Figuren wahrgenommen werden.

      Alexander Wagner

    • Textgrundlage:

      Marlitt, Eugenie: Die zwölf Apostel, in: Die Gartenlaube. Illustrirtes Familienblatt, Leipzig: Ernst Keil 1865 [H. 36-39 (H. 36, S. 561-564; H. 37, S. 577-583; H. 38, S. 393-398; H. 39, S. 609-614)].

      Spätere Veröffentlichung (u.a.):

      Marlitt, Eugenie: Die zwölf Apostel, in: Dies.: Thüringer Erzählungen, Leipzig: Ernst Keil 1869, S. 1-106.