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    • Cover mit Link zu: Marie von Ebner-Eschenbach: „Er lasst die Hand küssen“.Die Geschichte der Dichterinwerdung der Marie Freifrau von Ebner von Eschenbach, geborene Gräfin Dubsky, und ihrer Anerkennung im öffentlichen Raum lässt einen unmittelbaren Einfluss des zeitgenössischen Zeitungswesens, genauer: der Literaturkritik, erkennen. Ihre frühen Versuche (Dramen, Gedichte und Versepen), zeigten keine breiteren Erfolge. Ihre Dramen erhielten zwar einige positive Publikums- und wohlwollende Kritiker-Reaktionen, doch blieb ihnen vor allem in Wien, dem für die österreichische Schriftstellerin entscheidenden Ort der Bewährung, wenn sie dort überhaupt zur Aufführung kamen, eine wertschätzende Resonanz der Kritik verwehrt. Zur Aufführung ihres Stücks „Doctor Ritter“ ein Einakter, den Ebner-Eschenbach im Auftrag des Komitees der Schiller-Akademie verfasste und dessen Held Schiller selbst sein sollte,  1869 zuerst im Kärntnertortheater, dann im Burgtheater, bemerkte beispielsweise ein Rezensent in der „Neuen Freien Presse“ vom 23.02.1869, dass die idealisierende Hand, die dieses Stück geschrieben habe und die, „wie man hört, eine weibliche“ sei, zwar „Talent“ habe, „aber mit der Bühne [...] schwerlich vertraut“ sei (zit. nach Ebner-Eschenbach 2010, S. 191). Und der auch von den männlichen Schriftstellerkollegen bisweilen gefürchtete, in Wien dominierende Feuilletonist und Kritiker Ludwig Speidel ließ in „Die Presse“ vom 27.02.1869 mit Hohn hören: „Sie hat wohl daran gethan, sich hinter den wirksamen Namen Schiller zu stecken, denn auf eigene Hand dürfte sie wol schwerlich wirken können“ (zit. nach Ebner-Eschenbach 2010, S. 191). Schließlich erhielt Ebner-Eschenbachs 1873 am Wiener Stadttheater uraufgeführte Komödie „Das Waldfräulein“ zahlreiche Verrisse. Sie selbst bezeichnete die Reaktionen in ihrem Tagebuch als „Flut von Beschimpfungen“ in allen Journalen (Ebner-Eschenbach 1991, S. 229). Die Kritik richtete sich, neben dem Stück, auch ganz persönlich an das Geschlecht seiner Urheberin, deren Pseudonym mittlerweile enttarnt war (vgl. Ebner-Eschenbach 2010, S. 694-696).

      Der darauf folgende Werdegang der mährisch-österreichischen Schriftstellerin legt nahe, dass diese öffentlichen Negativbeurteilungen zu Ebner-Eschenbachs Wechsel zur Prosa geführt haben. „In den siebziger Jahren“, so schreibt Karlheinz Rossbacher, „ist sie als kritikergeschädigt zu bezeichnen“ (Rossbacher 1992, S. 108). Ebner-Eschenbach selbst bringt ihre frühen Misserfolge unmittelbar mit ihrem Geschlecht und den Mechanismen des Literaturbetriebs in Zusammenhang: Ihr frühes Bestreben, „der Shakespeare des 19. Jahrhunderts“ zu werden, wie sie selbstbewusst und ehrgeizig schreibt (Ebner-Eschenbach 2015, S. 103), wurde ihrer eigenen Ansicht nach vom männlich dominierten literarischen Betrieb verhindert. In einem biographischen Aufriss von 1878 schreibt sie: „Die vielfachen Schwierigkeiten und Hindernisse, die einer Frau auf diesem Gebiet des poetischen Schaffens entgegengesetzt wurden, brachten mich endlich dahin, das Drama aufzugeben“ (Ebner-Eschenbach 2015, S. 304).

      Für die Prosa hingegen schien ihr der literarische Markt als Frau eher zugänglich. Ein Talent zur Prosa hatte ihr bereits 1854 die Lyrikerin und Freundin Josephine von Knorr attestiert: Je t’ai dit il me semble que ton talent littéraire aura plus de succès dans la prose que dans la poésie – tu es spirituelle avant tout et ce que l’on nomme esprit anime la prose avec bien plus de succès que la poésie.“ (Ebner-Eschenbach/Knorr 2016, S. 98); Ich habe dir gesagt, dass dein literarisches Talent in der Prosa erfolgreicher sein wird als in der Poesie du bist vor allem geistreich und das, was man Geist nennt, belebt die Prosa mit viel größerem Erfolg als die Poesie. [übers. v. Kunz]) Und in der Tat wurde Ebner-Eschenbach durch ihr erzählerisches Werk zu einer der berühmtesten österreichischen Autorinnen des 19. Jahrhunderts, weshalb sie als eine von wenigen Frauen in vielen Literaturgeschichten zum 19. Jahrhundert einen festen Platz einnimmt. Ihre Hauptthemen bilden das hierarchische Sozialgefälle der Klassengesellschaft, die (alltägliche) Gewalt von Herrschaft und Unterdrückung sowie die Tugenden des 19. Jahrhunderts: Verrat und Treue, Moral, Schuld, Mitleid, Herzenswärme, Mütterlichkeit, Tierliebe. Dem Adel als soziales Modell und System ethischer Werte kommt bei ihr die Aufgabe zu, die sozialen Gegensätze durch Eigeninitiative auszugleichen und dabei nicht zuletzt einer historisch ihm zugewachsenen Verantwortung nachzukommen.

      Ihren literarischen Durchbruch markierte der Handwerkerinnenroman „Lotti, die Uhrmacherin“ von 1880, was nicht zuletzt sein Publikationsort bezeugt: Der Roman erschien in Fortsetzungen in Julius Rodenbergs „Deutscher Rundschau“ in Berlin, dem Zentralorgan des poetischen Realismus, in dem auch Gottfried Keller, Konrad Ferdinand Meyer, Paul Heyse und Theodor Fontane publizierten. Mit „Das Gemeindekind“ (1887) und „Krambambuli“ (1896) folgten zwei weitere bis heute weithin bekannte Hauptwerke der Schriftstellerin. Daneben schrieb und publizierte Ebner-Eschenbach eine große Zahl kleinerer Erzählungen, allesamt in breit rezipierten Zeitschriften des 19. Jahrhunderts veröffentlicht. Auch ihre Aphorismensammlungen, die sie ab 1880 herausgab, wurden rege rezipiert.

      Ihre Erzählung „Er lasst die Hand küssen“ ist zuerst im Dezember 1885 im ersten Band von „Spemann‘s Illustrierte Zeitschrift für das deutsche Haus“ mit dem Haupttitel „Vom Fels zum Meer erschienen. 1886 wurde die Geschichte in Ebner-Eschenbachs Erzählsammlung „Dorf- und Schloßgeschichten“ aufgenommen, die im Berliner Verlag der Gebrüder Paetel erschien. Damit sowie mit ihren drei Jahre später erschienenen „Neuen Dorf- und Schloßgeschichten“ reiht sich Ebner-Eschenbach in der Wahrnehmung des Publikums im Deutschen Reich in die Tradition der Auerbach’schen Dorfgeschichten ein (vgl. Spengel 1998, S. 268).

      Tanja Angela Kunz