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    • Die Expansion des industriellen Kapitalismus veränderte nicht nur tiefgreifend das Leben breiter Bevölkerungsschichten, sondern auch das literarische Leben im 19. Jahrhundert. Abgesehen von wenigen Schriftstellern wie etwa Willibald Alexis, Eduard Mörike, Karl von Holtei, Otto Ludwig , die Pensionen ihrer Landesherren erhielten, mussten sich Autor:innen als quasi selbständige Unternehmer mit ihrer ‚Ware‘ auf dem Buchmarkt behaupten. Alleine von den Verkaufserlösen konnten die meisten aber nicht leben, da noch 1855 etwa 90 Prozent des literarisch interessierten Publikums Lesestoff aus Leihbibliotheken bezogen. Die wichtigste und ergiebigste Einnahmequelle für Autor:innen waren Zeitschriften und andere serielle Publikationsmedien wie Almanache und Taschenkalender. Diese bezahlten verhältnismäßig großzügige Honorare und hatten aufgrund hoher Auflagen eine große Breitenwirkung. Exemplarisch hierfür ist die 1853 gegründete Familienzeitschrift „Gartenlaube“, die in den 1860er Jahren bereits eine Auflage von 135.000 Exemplaren hatte. Für sie schrieben u.a. Friedrich Scheffel, Felix Dahn, Wilhelm Raabe, Theodor Storm, Paul Heyse, Theodor Fontane und Marie von Ebner-Eschenbach. Weitere auflagenstarke Titel waren die „Deutsche Rundschau“, in der Fontane, Storm und von Ebner-Eschenbach ebenfalls publizierten, sowie der „Grenzbote“ und der „Deutsche Hausschatz“. Für Jungen wurde „Der gute Kamerad“ gedruckt, das Pendant für Mädchen war „Das Kränzchen“.

       

      Bilder: Der Gute Kamerad. Spemanns Illustrierte Knaben-Zeitung, 1887 + 1. Probenummer von Louise Ottos "Frauen-Zeitung", 1849

      Titelblatt der "Das Kränzchen", Stuttgart: Wilhelm Spemann (1896) [li.}

      Titelblatt der "Der Gute Kamerad", Stuttgart: Wilhelm Spemann (1887) [re.]

      Idee für Gestaltung: (Titelblätter von "Der Gute Kamerad" und "Das Kränzchen", Stuttgart: Wilhelm Spemann (1887 und 1896))

      Außerdem gab es - in Deutschland verstärkt seit den 1880er Jahren - Zeitungen, die eigens für diesen Publikationsort produzierte Romane in Fortsetzungen brachten. Eines der frühesten Beispiele stellt der Feuilletonroman „Leben und Thaten des berühmten Ritters Schnapphahnski“ von Georg Weerth dar, der vom 8. August 1848 bis zum 21. Januar 1849 in Fortsetzung in der „Neuen Rheinischen Zeitung“ erschien. Die hervorragende Stellung, die der Novelle spätestens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zukommt, ist u.a. dadurch begründet, dass diese Form (zusammen mit dem Roman) in den Leihbibliotheken, Taschenbüchern und Zeitschriften, die den literarischen Massenkonsum steuerten, sehr gefragt waren. Diese Entwicklung konnte auch auf die Schreibweisen zurückwirken: So lassen sich sowohl bei Novellen als auch bei den Feuilleton- oder Zeitungsromanen stilistische und strukturelle Gemeinsamkeiten mit den Pressenachrichten nachweisen. Wie weitreichend eine solche Beeinflussung durch den medialen Kontext für die ästhetische Gestaltung der Texte war, ist aber nach wie vor eine Frage, die in der Forschung unterschiedlich beantwortet wird.

      Matthias Buschmeier