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    • Cover und Link zu:  Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie. 2014.Gerhart Hauptmanns „Bahnwärter Thiel“, im Oktober 1888 in der Zeitschrift der Münchner Naturalisten „Die Gesellschaft“ erschienen, erzählt vor dem Hintergrund der Industrialisierung die tragische Geschichte eines verwitweten Bahnwärters namens Thiel, der sich in zweiter Ehe in zunehmender psychischer Zerrüttung verliert, was letztlich in einer schlimmen Familienkatastrophe endet. Neben der Zurschaustellung menschlicher Abgründeein Skandalon zu der Zeit  thematisiert die Erzählung auch Konflikte zwischen Pflicht und persönlichem Glück sowie Fragen von Schuld und Sühne. Inspiriert sein soll die Geschichte von einem historischen Bahnunfall zwischen Fürstenwalde und dem südöstlich von Berlin gelegenen Erkner, wo Hauptmann zwischen 1885-1889 mit seiner Frau Marie lebte (vgl. Payrhuber 1998, S. 16). 1892 erfolgte bei Samuel Fischer in Berlin (auch heute noch als der renommierte S. Fischer Verlag bekannt) die erste Buchausgabe der Erzählung mit dem Beinamen „Der Apostel“ und einer Umschlagillustration von Hans Baluschek, einem Maler und Grafiker der Berliner Secession.  

      Die „novellistische Studie aus dem märkischen Kiefernforst“, wie sie in der „Gesellschaft“ im Untertitel noch heißt, gilt nicht nur als eine der bekanntesten Erzählungen Hauptmanns, sondern auch als einer der bedeutendsten Texte des Naturalismus, einer literarischen Strömung um die Jahrhundertwende, zu der neben Hauptmann auch Autor:innen wie Arno Holz, Clara Viebig oder Henrik Ibsen zählen. Der Naturalismus will im Gegensatz zur idealistischen Literatur und noch radikaler als in der poetischen Überformung realistischer Literatur die menschliche Natur und die Gesellschaft möglichst wirklichkeitstreu, also ungeschönt, darstellen. Der Naturalismus kann damit als „transitorische[r] Durchgang zwischen Realismus und Moderne“ (Femmer/Lucke 2024, S. 57) angesehen werden. Im „Bahnwärter Thiel“ können als moderne Elemente bereits poetologische Verfahren wie unzuverlässiges Erzählen, Inkongruenzen bezüglich erzählter Zeit und Erzählzeit oder die Verschmelzung unterschiedlicher Wirklichkeits- bzw. Wahrnehmungsebenen gelten (vgl. ebd., S. 59).

      Mit der Thematisierung des Elends der arbeitenden Klassen, ihrer Ausbeutung und Unterdrückung kritisieren naturalistische Texte auch soziale Missstände und können so als literarische Ausdrucksformen sozialer Bewegungen ihrer Zeit gelesen werden. Sie betonen die Rolle von Umwelt, Gesellschaft und biologischer Anlagen bei der Formung des menschlichen Charakters. Hauptmanns sozialkritisches Drama „Vor Sonnenaufgang“ aus dem Jahr 1889, das noch auf Empfehlung Theodor Fontanes im Rahmen des privaten Theatervereins der Freien Bühne Aufführung finden konnte, brachte ihm schließlich den Durchbruch. Das Stück schildert einen Tag im Leben einer Bauernfamilie und hebt mit der Wahl dieses Figurenpersonals die Ständeklausel auf, wonach die Tragödie eigentlich Protagonist:innen höheren Standes vorbehalten war. In seinem 1892 erschienenen sozialen Drama „Die Weber“ macht der spätere Literaturnobelpreisträger von 1912 die katastrophalen Lebensumstände der schlesischen Weber und ihren berühmten Aufstand von 1844 zum Thema.

      Stephanie Wollmann


    • Textgrundlage:

      Gerhart Hauptmann: Bahnwärter Thiel. Novellistische Studie. Mit einem Nachwort von Fritz Martini, Stuttgart: Reclam 2014.