• Erschließungsfragen
      Regieanweisung

      Lesen Sie die Regieanweisungen zu Beginn des ersten Aktes von „Der Biberpelz“ genau durch und vergleichen Sie diese mit den Regieanweisungen zu Beginn von Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“, „Nacht“.

    • Keine Frage – Hauptmanns Anweisungen sind ungleich detaillierter und ausführlicher als die von Goethe. Bereits von diesem Punkt aus können Sie charakteristische Darstellungsprinzipien nicht nur Gerhart Hauptmanns im Besonderen, sondern auch die einer Epoche um 1900 erschließen. 
       
      Denn warum ist diese Inszenierungsanweisung Hauptmanns vergleichsweise so lang?
    • Vertreter:innen des sogenannten „Naturalismus“ (um 1880-1890), wie in Deutschland Gerhart Hauptmann und in Frankreich Émile Zola, fordern die genaue Wiedergabe der Wirklichkeit. Anders als im poetischen Realismus interessiert sie vor allem die naturgetreue Darstellung von Alltäglichem und auch von Hässlichem, denn sie zielen darauf, die Öffentlichkeit mit literarischen Mitteln auf das Leid, die Sorgen und Probleme vor allem der unteren Gesellschaftsschichten aufmerksam zu machen. Das heißt, naturalistische Autor:innen versuchen in ihren Werken – Zola vor allem in dem Romanzyklus „Les Rougon-Macquarts“, Hauptmann vor allem in seinen Dramen – mit narrativen Mitteln im Kopf der Leser:innen bzw. Zuschauer:innen Illusionen von Wirklichkeit zu erzeugen. Die dargestellten Gegenstände, Personen, Räume sollen möglichst anschaulich werden. Kreative Regisseur:innen, die auf die sozialkritisch-aufklärerischen Ziele der Autor:innen keine Rücksicht nehmen, sondern lieber eigene und möglicherweise ganz andere Ideen verwirklichen wollen, wären nicht im Sinne Hauptmanns. Ihm geht es darum, gemäß damals aktueller soziologischer und naturwissenschaftlicher Forschungen, seine Figuren mimetisch getreu sowohl optisch wie sprachlich in ihrem Milieu zu situieren und dieses durch genaue Regieanweisungen klar zu kennzeichnen.
       
      Gemälde von Max Liebermann: Die Gänserupferinnen. Soll das Elend und die Hässlichkeit der Wirklichkeit darstellen.