Vorurteile erkennen und überwinden

In diesem Abschnitt geht es darum, wie Sie unbewusste Vorurteile gegenüber Patient*innen erkennen, kritisch hinterfragen und diese überwinden können.  

Schauen Sie sich das Bild genau an. Was sind Ihre ersten Gedanken zu dieser Person?

Josephine Otto

 Josephine Otto, Foto: OptiKomm.

Wir alle neigen dazu, in Schubladen zu denken. Vielleicht haben Sie sich gerade dabei ertappt, wie Sie der Person auf dem Bild aufgrund des ersten Eindrucks direkt bestimmte Fähigkeiten ab- oder Beeinträchtigungen zugeschrieben haben. Eventuell kennen Sie diese Situation auch aus Ihrem Berufsalltag.
Auf dem Bild sehen Sie Josephine Otto. Sie ist eine junge Frau, die schon häufiger im medizinischen Kontext erlebt hat, dass sie aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigung auch als kognitiv beeinträchtigt eingeschätzt wurde. Das ist sie aber nicht.

Stockmann Zitat

Umgekehrt werden Menschen ohne sichtbare Beeinträchtigungen (z. B. mit ADHS, Autismus, Lernbeeinträchtigungen) oft fälschlicherweise als vollständig leistungs- und handlungsfähig eingeschätzt, da man Ihre Beeinträchtigung nicht auf den ersten Blick sieht. Dies kann dazu führen, dass ihnen in Gesprächen mit medizinischem Personal zu viel zugetraut wird – etwa in Bezug auf das Verstehen von Informationen, das Treffen von Entscheidungen oder das Einhalten von Therapieplänen. Ihre tatsächlichen Bedürfnisse werden dadurch leicht übersehen.

 

Im Berufsalltag kann es unbewusst oder bewusst dazu kommen, dass wir Patient*innen bestimmte Fähigkeiten zu- oder abschreiben. Hier haben Sie die Möglichkeit, Ihre eigenen Erfahrungen einmal zu reflektieren.

Klicken Sie am unteren Seitenrand auf "Weiter", um die nächste Reflexionsfrage anzuzeigen und zu beantworten. Ihre Antworten sind anonym und dienen ausschließlich der persönlichen Reflexion.

 

Stigmatisierung und Diskriminierung von Menschen mit Beeinträchtigungen

Viele Menschen mit Beeinträchtigung erleben im medizinischen Kontext Stigmatisierung und Diskriminierung. Beides kann sich negativ auf die Versorgung und das Wohlbefinden der Patient*innen auswirken.

Stigmatisierung bezeichnet die negative Bewertung und Ausgrenzung von Menschen aufgrund bestimmter Merkmale, z. B. kognitiver oder körperlicher Beeinträchtigungen. Sie begünstigt oft die Entstehung von Stereotypen und Vorverurteilungen, die häufig in Diskriminierung münden. Die Folgen reichen von sozialer Ausgrenzung bis hin zu erheblichen Beeinträchtigungen der körperlichen und psychischen Gesundheit.

Diskriminierung beschreibt die ungerechtfertigte ungleiche Behandlung z. B. aufgrund einer Beeinträchtigung. Sie kann als direkte Folge von Stigmatisierung entstehen, wenn Vorurteile und Stereotype z. B. bei Menschen mit Beeinträchtigungen zu bewusster oder unbewusster Ungleichbehandlung führen. In der medizinischen Versorgung äußert sich dies häufig in einer schlechteren oder unzureichenderen Behandlung im Vergleich zu Menschen ohne Beeinträchtigungen.

Für Sie als medizinisches Personal ist es entscheidend, Vorurteile zu erkennen und aktiv zu hinterfragen. Menschen mit kognitiven und/oder sprachlichen Beeinträchtigungen meiden oft medizinische Hilfe – aus Angst vor Diskriminierung. Das führt zu verzögerten Diagnosen und schlechteren Gesundheitsergebnissen. Stigmatisierung beeinträchtigt zudem das Selbstwertgefühl und die psychische Gesundheit. Eine respektvolle, diskriminierungsfreie Kommunikation dagegen stärkt das Vertrauen, verbessert das Wohlbefinden und steigert langfristig die Versorgungsqualität.

Im folgenden Video berichten Menschen mit unterschiedlichen Beeinträchtigungsformen über ihre Erfahrungen mit Stigmatisierung und Diskriminierung im medizinischen Versorgungskontext.

 

Ärztliche Wahrnehmung von Menschen mit Beeinträchtigungen: Studienergebnisse im Überblick

In der landesweiten Umfrage "Physicians' Perceptions Of People With Disability And Their Health Care" von Iezzoni et al. (2021) wurden 714 Ärzt*innen in den USA zu ihrer Einschätzung bezogen auf die medizinische Versorgung von Menschen mit Beeinträchtigungen (MmB) gefragt. 
Die Umfrage zeigt unter anderem folgende Ergebnisse: 

Grafik: OptiKomm. Eigene Darstellung in Anlehnung an die Ergebnisse von Iezzoni et al. 2021.

Die Ergebnisse verdeutlichen eindrucksvoll, dass Ärzt*innen bei Menschen mit Beeinträchtigungen von einer eingeschränkten Lebensqualität und unzureichender Versorgung ausgehen. Auch wenn diese Erkenntnisse aus den USA stammen, ist von vergleichbaren Einschätzungen in Deutschland auszugehen.

Stigmatisierung und Diskriminierung geschehen oft unbewusst und können Teil alltäglicher Interaktionen sein, auch ohne böse Absicht. Diese Mechanismen sind tief in gesellschaftlichen Normen verankert, was es umso schwieriger macht, sie zu erkennen. Daher ist eine kontinuierliche Reflexion des eigenen Verhaltens unerlässlich, um unbewusste Vorurteile abzubauen und ein inklusives Umfeld zu fördern.

Hier können Sie sich Praxistipps zum Abbau von Vorurteilen als Unterstützung im Alltag downloaden. 

 

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