1.10. Kultur der Digitalität

Der Kultur- und Medienwissenschaftler Felix Stalder fasst diese umwälzenden soziokulturellen Veränderungen unter dem Begriff der Kultur der Digitalität‹ zusammen. Er grenzt sie von der Digitalisierung ab, die für ihn den Aufbau einer technischen Infrastruktur und das Erlernen des Umgangs mit digitalen Medien beschreibt. Diese Prozesse bilden die erste Grundlage der kulturellen Transformation, in der sich neue Wahrnehmungsformen, Denkstrukturen, kurz neue Möglichkeitsräume entwickeln können. Mit diesen geht eine Flexibilisierung der Identität durch zahlreiche Formen der Selbstdarstellung einher. Zudem gibt es eine geradezu explosionsartige Vermehrung von Subkulturen, die sich vernetzen, austauschen und öffentlich darstellen können, wie es nur das Internet ermöglicht. Die Flexibilisierung der Arbeits- und Beschäftigungsverhältnisse hat die Digitalität ebenfalls begünstigt. Unter dem Begriff der ›Kultur‹ versteht Stalder dabei die innerhalb einer Gemeinschaft geteilte Bedeutung, die zu deren Erreichung notwendigen Aushandlungsprozesse und damit letztlich Überlegungen dazu, wie wir leben wollen und sollen. Dies wird in einer Kultur der Digitalität in Wechselwirkung zwischen Individuum, Gesellschaft und Technik immer wieder neu verhandelt, wobei im Gegensatz zur vorherigen Epoche mehr Personen an diesen Aushandlungsprozessen beteiligt sind. Zeitlich verortet Stalder den Übergang von der Digitalisierung zur Digitalität um das Jahr 2000, wobei ein beschleunigter Wandel bereits seit den 1960er Jahren absehbar war. Kennzeichen dieser von digitalen Technologien geprägten Welt sind u.a. (vgl. Stalder 2021; Herzig 2023):

  • Unübersichtlichkeit
  • Nichtlinearität
  • Dynamik
  • Parallelität
  • Komplexität

Während im Buchzeitalter kulturelles Wissen durch Schrift bewahrt und weitergegeben wurde, geschieht dies heute multimodal in Form digitaler Medien. Anders als in der Buchdruckgesellschaft gibt es keine Gatekeeper mehr, die entscheiden, welche Texte in welcher Form veröffentlicht werden und damit Bedeutung generieren (siehe auch Einheiten Medien.Rezeption und Medien.Identität). Jeder kann nun selbstbestimmt im Internet publizieren. Damit fällt aber gleichzeitig eine ordnende Instanz weg, die einen Hinweis auf die Vertrauenswürdigkeit der Information, eine politische Einordnung oder die Bedeutung gibt. Wusste bspw. früher fast jede*r, welche Zeitung zu welcher politischen Richtung gehörte, so ist dies bei Informationen im Internet weniger offensichtlich, da jede*r Informationen generieren und ihnen Bedeutung zuschreiben kann (vgl. Stalder 2021). Gleichzeitig werden Medien selbst zu Gatekeepern, da nicht jede*r im gleichen Maße auf sie zugreifen kann und so Personen(gruppen) durch den Zuwachs an Medieneinsatz ausgeschlossen werden (siehe Einheit Medien.Gesellschaft).

Gatekeeper

Faktor, der Einfluss auf Entscheidungen nimmt und beispielsweise darüber entscheidet, ob ein Artikel veröffentlicht wird oder nicht

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